Wachstum und Investitionen im Jahr des Aufbruchs

2020 hat uns nicht nur gelehrt, wie schwer sich westliche Demokratien mit der Eindämmung der Pandemie tun. Der Sommer hat uns auch gezeigt, wie dringend Menschen zu ihrem ursprünglichen Leben zurückkehren möchten, d.h. reisen, konsumieren und sich treffen. Die Erholung der Wirtschaft war beeindruckend bis die kalte Jahreszeit die Pandemie mit voller Wucht zurückbrachte. Das größte Weihnachtsgeschenk wurde daher bereits im November überreicht: Es ist die Gewissheit, dass ab Anfang 2021 in großer Menge geimpft werden wird. Ab Frühjahr 2021 sollte sich das Wirtschaftsleben deutlich normalisieren, was mit erheblichem Wirtschaftswachstum einhergehen sollte. Während der Aufschwung im Nachgang zur großen Finanzmarktkrise seit 2008 stets moderat und von einiger Skepsis geprägt war, ist jetzt mit einigen Quartalen hoher Wachstumsraten und womöglich sogar einer gewissen Euphorie zu rechnen. Dies liegt nicht nur an der niedrigen Ausgangsbasis, sondern an drei weiteren Faktoren:

(1) Die Zinsen sind extrem niedrig und Geld ist massenhaft vorhanden
(2) Die fiskalische Unterstützung ist immer noch groß
(3) Die Rezession ist erkennbar beendet und die Anreize jetzt zu investieren sind groß

Letzterer Punkt ist u.E. besonders erwähnenswert. Sei es in Bezug auf Zukunftstechnologien, die Umwelt oder auch die regionale Gestaltung von Wertschöpfungsketten haben Unternehmen ein hohes Maß an Klarheit in was und wo zu investieren sinnvoll ist. Der Zeitpunkt für Investitionen am Anfang eines Aufschwungs bei niedrigen Zinsen ist gut.

Die Zentralbanken haben ein hohe Inflationstoleranz und sind bereit Inflationsraten über 2% eine Weile zu akzeptieren. Damit einher geht, dass auch Marktbewertungen noch eine Weile ambitioniert bleiben oder sogar noch weiter steigen können. Dies gilt insbesondere für Aktien und begrenzt auch für risikoreichere Anleihen.

Problematisch dürfte die Lage erst werden, wenn Notenbanken anfangen ihre gigantischen Kaufprogramme von Anleihen zurückzufahren und damit auch in der Geldpolitik die „Normalisierung“ anfängt. Von steigenden Zinsen ist hier noch nicht die Rede. Ab dem Zeitpunkt dürften Marktbewertungen wieder verstärkt in den Blickpunkt geraten. Bis dahin gilt daher: Je langsamer der Aufschwung erfolgt, desto besser mag es für die Börse sein.

Im konjunkturellen Aufschwung sollten derweil nicht primär die Gewinner der Pandemie, wie v.a. die bekannten US-Technologietitel oder andere klassische Qualitäts- und Wachstumsunternehmen profitieren, sondern auch die Unternehmen der „Old Economoy“, die teilweise immer noch günstig bewertet sind und gleichzeitig einige gute Jahre vor sich haben könnten. Eine Diversifikation, die teure Zukunftsmärkte aber auch günstiger bewertete konjunktursensitive Werte genauso wie Schwellenländer und das alte Europa berücksichtigt, scheint uns sinnvoller denn je.