Ein spezifischer Wirtschaftszyklus nimmt seinen Lauf

Die Coronapandemie hat zu einer extremen Reaktion der Notenbanken und Staaten geführt, indem die Geldmenge sehr stark erhöht wurde, Zinsen extrem niedrig gehalten und zusätzlich gigantische fiskalische Hilfsprogramme aufgelegt wurden. Dabei ist die Weltwirtschaft insgesamt in einem mindestens soliden Zustand in die Pandemie hineingegangen, der von einem hohen Beschäftigungsniveau, weitestgehend guten Sparquoten der Verbraucher und überwiegend gesunden Unternehmen geprägt war. So ist es nicht verwunderlich, dass in den meisten Wirtschaftszweigen sehr schnell wieder das wirtschaftliche Leistungsniveau von vor der Pandemie erreicht wurde. Zu den Ausnahmen gehören sicherlich die Reise-, Hotel- und Gastronomiebranchen.  Andere Branchen haben dafür umso stärker zugelegt. Geprägt wird das aktuelle Wirtschaftsgeschehen durch eine hohe Endnachfrage, die auch 2022 weiter anhalten sollte.  

Spezifisch an diesem Wirtschaftszyklus ist, dass die hohe Nachfrage auf teilweise durchbrochene Lieferketten trifft. Dies liegt u.a. an Produktionsunterbrechungen in den Lieferketten auf Grund lokaler Corona bedingter Einschränkungen. Auch der Nachfrageboom nach Halbleiterchips hat die ursprünglichen Kapazitätsplanungen der Industrie übertroffen. Solche Liefer- und Produktionsengpässe können aber durch Investitionen behoben werden. Auch die Förderung von Rohstoffen, insbesondere im Öl- und Gasbereich, kann mit Blick auf die immer noch vorhandenen Ressourcen zweifellos erhöht werden. Dies führt uns zur zentralen Frage dieses sehr spezifischen Wirtschaftszyklus: Wie temporär oder nachhaltig ist die aktuell hohe Inflation? Drei Argumente sprechen für einen Verlangsamung der Inflation im Jahr 2022: Statistische Basiseffekte nach den hohen Vorjahreszahlen, eine Normalisierung in den Lieferketten und ein erhöhtes Angebot an Rohstoffen. Andererseits gibt es in vielen Bereichen des Arbeitsmarktes eine Knappheit an qualifizierten Arbeitskräften. So lag zuletzt die Zahl der offenen Stellen in den USA sogar über der Zahl der arbeitslos Gemeldeten. Indizien für eine mittelfristig erhöhte Lohninflation sind erkennbar.

Unternehmen brauchen für Investitionen Zuversicht und einen klaren Plan. Mit den Themen Digitalisierung und Nachhaltigkeit sind Investitionsschwerpunkte derzeit leicht gesetzt und die regionalen Schwerpunkte ergeben sich in Zeiten von Handelsstreitigkeiten über die definierten Wirtschaftsblöcke. Aus unserer Sicht spricht daher einiges dafür, dass Unternehmen im Jahr 2022 weiter oder sogar zusätzlich investieren werden. Dies betrifft Investitionen in die Erhöhung der Produktivität (auch wegen steigender Kosten), die Erweiterung von Kapazitäten und die Bewältigung von Strukturbrüche gleichermaßen. Diese Investitionen wiederum sollten das Wirtschaftswachstum unterstützen.

Die Wachstumsprognosen der meistern Marktteilnehmer für 2022 sind u.E. zurecht optimistisch. Damit einher geht aber auch eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Inflation zwar zurückkommt, sich aber auf einem höheren Niveau als vor der Pandemie einpendelt. Die Notenbanken sollten darauf reagieren. Es ist zwar eindeutig, dass Notenbanken kein Interesse daran haben können, den Markt mit einem Zinsschock zu überraschen. Andererseits gilt es bei einer anhaltend hohen Inflation auch die Glaubwürdigkeit in der Inflationsbekämpfung zu wahren. Zinsen und Inflation sind aus heutiger Sicht die relevantesten Risikofaktoren für den Kapitalmarkt.

Ein weiterer Risikofaktor für den optimistischen Wirtschaftsausblick ist leider immer noch die Pandemie. Sollte wegen neuer Virusvarianten wie Omikron die Pandemie ein Jahr länger andauern, könnte dies die Erholung schwächen. Regionale Lockdowns würden die Planungssicherheit gefährden, Arbeitsplätze in den entsprechenden Branchen wären betroffen und gleichzeitig würde die Normalisierung in den Lieferketten länger andauern. Damit einher ginge das Risiko, dass die Inflation trotz schwächerer Nachfrage relativ hoch bliebe. Mittlerweile haben Wirtschaft und Gesellschaft besser gelernt mit der Pandemie umzugehen und neue Impfstoffe stehen schnell zu Verfügung. Dennoch bleibt die Pandemie ebenfalls ein relevantes Risiko.

Aus Kapitalmarktsicht stehen sich die Risiken einer länger andauernden Pandemie (und damit Wachstumsabschwächung oder Stagflation) einerseits und einem starken sowie inflationärem Wachstum andererseits krass gegenüber, weil z.B. am Aktienmarkt vollkommen unterschiedliche Branchen und Investmentstile (z.B. „Value“ versus „Growth“) profitieren. Daher ist die Diversifikation so wichtig.

Auffallend mit Blick auf die Bewertungen sind einige Extreme: So preisen die Renditen für Bundesanleihen und US-Staatsanleihen im länger laufenden Bereich nur einen sehr moderaten Zinserhöhungszyklus ein. Dieser steht u.E. im Widerspruch zu einer Notenbankpolitik, die Inflation bekämpfen will. Es ist insgesamt im Aneihebereich sicherlich schwierig nachhaltig positive Erträge für die kommenden Jahre zu erwarten, weil das Zinsniveau derart gering ist. Auf der Aktienseite liegen die Bewertungsextreme im regionalen Vergleich genauso wie im Vergleich der Investmentstile „Value“ and „Growth“.  So liegt der Bewertungsabschlag von europäischen Aktien im Vergleich zu US-Aktien in der Nähe seines historischen Tiefpunkts, was zweifellos auch damit einher geht, dass in Europa eher Titel aus dem „Value“-Segment zu finden sind. Sogenannte Value-Aktien weisen große Bewertungsabschlägen zu Wachstumsaktien auf. Als antizyklischer Investor ist es nicht verwunderlich, dass wir die Chancen eher in Europa und im „Value“-Stil finden. Dieser dürfte aber vor allem dann gut laufen, wenn sich die Wirtschaft erholt. Daher legen wir wert darauf, neben unserem Value-Schwerpunkt im Aktienberiech auch US-Aktien und wachstumsorientierte Aktiensegmente mit im Portfolio zu haben. Ferner halten wir Liquidität vor, um für Rückschläge gerüstet zu sein.

 Insgesamt gehen wir optimistisch aber mit Respekt vor den Risiken ins Jahr 2022!